Redebeitrag von Ulrike Schrader auf der Demonstration vom 10.11.2018 vor der Begegnungsstätte Alte Synagoge

An dieser Stelle hier hat bis zum 10. November 1938 die Synagoge von Elberfeld gestanden. Heute vor 80 Jahren, einem Donnerstag, ging bei Gustav Brück, dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, am frühen Morgen das Telefon. Er kam sofort hierher, um den Schaden zu besichtigen. Auf der Genügsamkeitstraße versuchte in der gaffenden Menschenmenge ein Lastwagen zu parken. Frauen vom jüdischen Frauenverein hatten ihn gerufen, um dabei zu helfen, das Mobiliar aus der qualmenden Synagoge zu retten. Als die jüdischen Kinder an diesem Donnerstagmorgen zur Schule gingen, wurden sie bereits begrüßt mit Häme und Spott: Eure Synagogen sind am Brennen!

Eine Woche später gab es keine Schule mehr für jüdische Kinder und Jugendliche. Schulbesuch war verboten worden.

Mit dem Pogrom gegen die Juden im November 1938 war der Damm gebrochen, der die Wut und den Wunsch nach offener Gewalt bei vielen fanatischen Nazis noch zurückgehalten hatte. Der Schaden, den Herr Brück sich an diesem Morgen vor 80 Jahren anschaute, war viel mehr als ein materieller Schaden.

Der Dammbruch bedeutete: 90 jüdische Männer wurden nach einigen Tagen Haft in den Polizeigefängnissen in Barmen an der Bachstraße und hier in der von der Heydts-Gasse in das Konzentrationslager Dachau verschleppt, als Geiseln. Sie kamen erst wieder frei, wenn ihre Frauen, Mütter oder Töchter die nötigen Auswanderungspapiere vorlegen konnten. Was das für die Frauen bedeutete, kann man sich ganz gut vorstellen: Die alles beherrschende Angst um den Mann, die Kinder, die plötzlich nicht mehr zur Schule durften, den Haushalt auflösen und vielleicht auch das, was vom Geschäft noch übriggeblieben war, und sich mit den Behörden herumschlagen.

Der Dammbruch bedeutete: Die so genannte Arisierung so genannter jüdischer Geschäfte wurde bis Ende des Jahres 1938 abgeschlossen. Wuppertaler „Volksgenossen“ konnten sich an der Notlage der Juden bereichern. Die Namen der auf diese Weise gegründeten Geschäfte hier in Wuppertal sind kein Geheimnis mehr, denn es stand damals in der Tageszeitung, dass Alsberg jetzt „Koch am Wall“ war, das Schuhhaus Speier nun „Hamm“ hieß und das Hosenhaus Lachmann nun „Hosen Klaus“.

Der Dammbruch bedeutete: Mit der allmählichen Verarmung der jüdischen Familien in den letzten Jahren und dem plötzlichen Ruin jetzt, im Herbst 1938, schwanden auch die Chancen auf eine Auswanderung und eine neue Existenz im Ausland. Das kostete viel Geld, denn die Aufnahmeländer verlangten Garantien, dass die Flüchtlinge dem Sozialstaat nicht zur Last fallen sollten. Die Ansage der Nazi-Führung war eindeutig: „Juden raus!“ Aber gleichzeitig beraubte sie diejenigen, die sie loswerden wollte, um die nötigen Mittel.

Der Dammbruch bedeutete: Vogelfreiheit für die Juden! Nun konnte man mit ihnen tun, was man wollte, weil man sich sicher sein konnte, dass der Staat Übergriffe gegen die Juden dulden und damit fördern würde. Sobald sich der Qualm verzogen hatte, kletterten einige Männer aus der Nachbarschaft der Synagoge hier über die Mauer, brachen in den Keller ein und stahlen mehrere Säcke Kohlen. Es war ja, wie heute, tiefer Herbst, und der Winter stand vor der Tür. Warum den Juden nicht noch das, was man gut gebrauchen konnte, aus dem Tempel klauen? Den Frauen, die die Männer bei der Polizei anzeigten, schenkte man keinen Glauben mehr: Sie waren ja mit der jüdischen Witwe Antonie Giese befreundet, die auch hier ums Eck an der Krugmannsgasse wohnte. Die gelähmte alte Frau hatte sich den Brand der Synagoge vermutlich von ihrer Wohnung aus ansehen können, zu Tode erschrocken und verängstigt. Wenige Jahre später nahm sie sich mit einem Strick am Fensterkreuz das Leben. 

Heute muss man sich entsetzen, wenn man lernt, dass es für die kleine Minderheit der jüdischen Bevölkerung im damaligen Deutschen Reich – nicht einmal 1 Prozent der Bevölkerung! – keinerlei Mitgefühl, keinerlei Solidarität gegeben hat. Damals entsetzte sich niemand. Schon im Juli 1938 war klar, dass die ungefähr 500.000 bedrohten Juden schnellstens ins Ausland flüchten sollten, aber der Völkische Beobachter höhnte ganz richtig: „Keiner will sie haben.“ Die jüdischen Familien waren preisgegeben – das war schon auf der internationalen Flüchtlingskonferenz von Évian klar geworden.

Und ein Jahr nach dem Pogrom schrieb die jüdische Exilzeitung Aufbau in New York:

„Die Tatsache, dass es am 10. November 1938 möglich war, auf das Kommando einer kleinen Bande von demoralisierten Machthabern den Mob zum Rauben, Töten und Plündern loszulassen, soll uns immer daran erinnern, wie oberflächlich jene Tünche an manchen Leuten haftet, die sie so gern Nächstenliebe und Humanität nennen. Am 10. November 1938 ist etwas noch viel Schlimmeres geschehen: Die Masse des deutschen Volkes, die Masse jener Menschen, die wir lange Zeit für aufrecht und ehrlich, für rechtlich denkend und mutig gehalten hatten, die Masse der Deutschen hat nichts, gar nichts getan, um dem Mord und Raub an der wehrlosen jüdischen Bevölkerung Einhalt zu gebieten.“

Was bedeutet das für heute?

Hannah Arendt hat einmal gesagt: „Das Höchste, was man erreichen kann, ist zu wissen und auszuhalten, dass es so und nicht anders gewesen ist, und dann zu sehen, was sich daraus – für heute – ergibt.“ 

Der Schriftsteller Imre Kertesz sagte im Jahr 2002:

„[…] wenn ich über Auschwitz nachdenke, denke ich paradoxerweise vielleicht eher über die Zukunft nach als über die Vergangenheit.“ 

Was bedeutet der 9. November 1938 für uns heute, wenn wir mit diesem Datum den Pogrom gegen die Juden meinen?

Wir können sehen, zu was Menschen in der Lage sind, im Guten, wie im Bösen. Und müssen alarmiert sein, dass die Judenfeindschaft immer noch nicht aufgehört hat. Sie ist sogar stärker geworden. Sie hat neue und andere Akteure gefunden. Sie hat neue und alte Schreckgespinste und Fantasien geschaffen. Dem Antisemitismus, der sich in allen Bevölkerungsgruppen äußert, müssen wir alle entschieden entgegentreten. Mittlerweile ist es schlimmer geworden, als Antisemit beschimpft zu werden, als einer zu sein. Das darf nicht sein!

Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland und in Europa ist zunehmend und ganz konkret physisch bedroht. Wenn ein Brandanschlag von jungen Palästinensern auf die Synagoge in Barmen vom Richter nicht als antisemitisch eingestuft wird, ist das ein Skandal.

Wenn die jüdische Gemeinde auf eigene Kosten eine Securityfirma engagieren muss, die ihre Gottesdienste beschützt, leben wir nicht in einer offenen Gesellschaft, sondern in einer gefährlichen.

Wenn Juden nur dann über den Werth oder die Poststraße gehen können, wenn sie ihre Kippa mit einer Baseballkappe tarnen, läuft bei uns etwas aus dem Ruder.

Das darf kein Normalzustand sein, sondern ist ein Daueralarm!

Die Forderung muss lauten, dass die alten und guten Werte einer liberalen, gleichberechtigten und solidarischen Gesellschaft jetzt nicht verraten werden dürfen. Zu ächten sind Egoismus, Bequemlichkeit und rücksichtsloser Konsum, religiöser Fanatismus, radikaler Hass, Gleichgültigkeit, Selbstgerechtigkeit und Lust an der Macht. Schätzen wir die alte Parole wieder neu, die auch hier in der Begegnungsstätte ein Leitspruch ist: Liberté, Egalité, Fraternité!