Redebeitrag von Dr. Ulrike Schrader

Wie weiter mit der Erinnerung an den Nationalsozialismus?

Erinnerungskultur zwischen Generationenwechsel, Rechtspopulismus und neuem Antisemitismus[1]

Ulrike Schrader

„Wie weiter mit der Erinnerung an den Nationalsozialismus?“ – das ist eine Frage, die jeden denkenden Menschen beschäftigen muss, und die im Untertitel genannten Perspektiven „Generationenwechsel, Rechtspopulismus und Antisemitismus“ bezeichnen sehr gut die Problemfelder, auf denen wir in konstruktiver Weise eine Saat an Lösungsvorschlägen ausbringen sollten. 

 

Generationenwechsel

Der Generationenwechsel meint hier nicht nur die Ablösung einer altersdefinierten Generation, zum Beispiel die Tatsache, dass, wer im Jahr 1953 geboren wurde und damit noch zu jung war, um zu den 1968ern zu gehören, jetzt, im Jahr 2018 gerade in den Ruhestand verabschiedet wurde. Schon längst sind die vielen ehrenamtlichen, leidenschaftlichen und vom antifaschistischen Kampfgeist beseelten ErinnerungsarbeiterInnen abgetreten, längst haben Jüngere die Arbeit aufgenommen und die Gedenkstättenpädagogik und die Museumsarbeit professionalisiert. Ich meine auch zwei andere Generationenwechsel: Mit der demografischen Entwicklung unserer Gesellschaft hat sich unser Publikum sehr stark verändert. Die Themen Holocaust und Nationalsozialismus sind nicht mehr nur deutsche Spezialthemen mit ihrer anti-heroischen Mythenbildung, sondern es sind Themen von universaler Bedeutung, die alle Menschen angehen. Sie lehren uns viel über die Extreme, zu denen Menschen in der Lage sind – negativ wie positiv –, und sie lehren uns viel über die Systeme, in denen wir leben. So ist die demografische Dynamik, der wir seit dem Anfang des Jahrtausends in sich potenzierendem Tempo ausgesetzt sind, nicht nur ein Problem und Störfaktor, sondern auch eine große Chance. Mit dem Blick auf Europa und auf andere Kontinente müssen wir uns mit der Erosion von Staaten, mit korrupten Regimen, mit schwachen Verfassungen, mit politischen und moralischen Standards außerhalb unserer Blase beschäftigen, und das ist gut so.

 

Ich halte es nicht für eine Relativierung des Holocaust, auch nach der Entschädigung der indianischen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten zu fragen, nach dem Verbrechen des transatlantischen Sklavenhandels und seiner Wiedergutmachung. Wie sieht es aus mit der deutsch-japanischen Zusammenarbeit im Zweiten Weltkrieg, wie mit dem Genozid an den Armeniern, wie aber auch mit der Türkei als Asylland zahlloser Juden aus Nazi-Deutschland? Warum hassen sich denn deutsche und holländische Fans rituell im Fußballstadion? Welches Trauma wird dort bearbeitet? Doch wohl der entsetzlichste Hunger der niederländischen Bevölkerung in Folge des unfassbaren Raubzugs, den deutsche Soldaten dort unternommen haben. Solche Beispiele gibt es leider unendlich viele – die Belgier im Kongo, die Deutschen in „Südwest“, Ruanda, die letzten Urvölker im brasilianischen Regenwald, Kunst und Kulturobjekte als Diebesgut in deutschen Völkerkundemuseen und Missionswerken ...

Generationenwechsel: das ist nicht nur einer Frage des Alters, sondern auch eine Frage von Zuwanderung junger Menschen, Zuwanderung von Geschichten und Geschichte. Aber Generationenwechsel meint auch: „Abschied von der Zeitgenossenschaft“ (Norbert Frei). Was passiert eigentlich jetzt?

Darauf lassen sich zwei ganz praktische Antworten geben: Wir sollten uns endlich mit den Biografien der Zeitzeugen befassen, sie aufschreiben und würdigen. Das sollte in wissenschaftlicher Weise geschehen, indem wir die Zeitzeugen als die „Quelle“ betrachten, die sie ja (und oft sehr gern) gewesen sind. Und dann sollten wir uns mit dem unendlich vielen Interview-Material befassen, das in den Archiven schlummert. Das sind Mitschriften, alte Hörkassetten, Tonbänder oder VHS-Kassetten. Das muss alles digitalisiert und konserviert werden, abgehört, transkribiert und ausgewertet werden. Es muss pädagogisch und wissenschaftlich nutzbar gemacht werden. Allein das Material, das sich im Archiv unserer Begegnungsstätte in Wuppertal befindet, könnte mehrere Wissenschaftler mehrere Jahre beschäftigen.

 

Ich fasse zusammen: Den Blick weiten vom Nationalen auf Europa, und das Material, das wir haben, sichern, auswerten und benutzen.

 

Rechtspopulismus

Der zweite Aspekt, Rechtspopulismus, berührt die Frage nach dem Zusammenhang zwischen historischem Lernen und politischem Handeln. Es stellen sich die Fragen:

• Lernen wir aus der Geschichte (des Nationalsozialismus)?

• Müssen wir das „Lernen aus der Geschichte“ schützen und bewahren vor dem Zugriff von Rechtspopulisten, die Hitler und die Nazis für „Vogelschiss“ halten?

• Lernen wir auch etwas darüber, wie man mit Rechtspopulisten umgehen sollte?

Wir wissen nicht genau, ob „wir“ wirklich etwas aus der Geschichte lernen. Es gibt ziemlich überzeugende Beispiele dafür, dass das nicht der Fall ist, aber auch Beispiele fürs Gegenteil, beispielsweise unser Grundgesetz.

Dass wir die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus, dass wir die „Zukunft der Erinnerung“ bewahren müssen, ist gesetzt. Das ist unhintergehbar, und wer meint, das Thema hätte sich allmählich erledigt, irrt. Denn paradoxerweise wird die Erinnerung an den Nationalsozialismus umso lebendiger und diskursiver, ja länger diese Zeit vorbei ist. Gerade die sich verändernde Welt spätestens seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Fall der Mauer, der Wegfall ideologischer Blöcke, die immer neuerliche Auffindung von Quellen und Dokumenten – das und mehr haben eine äußerst lebendige Kultur des Austauschs und der Auseinandersetzung befördert, die vielleicht ein bisschen unübersichtlich zu werden droht, zuweilen auch etwas geschwätzig, aber es ist doch eine gute Kultur.

Aus noch einem anderen Grund brauchen wir uns eigentlich keine Sorgen zu machen, dass die „Erinnerung“ – oder sagen wir besser: die Bewahrung der Erinnerung erodieren könnte: Es sind, wie der Historiker Ulrich Herbert betont, die Verbrechen selbst, die das verhindern werden. Derartig monströse Taten mit Millionen Ermordeten und Gefallenen stellen ein Faktum dar, das die Welt nachhaltig erschüttert hat. Nichts ist mehr so wie zuvor, und dieser Bruch der Zivilisation wird uns weiterhin beschäftigen, unabhängig von Meinungen.

Ob das Lernen aus der Geschichte auch dazu führen kann, etwas gegen Rechtspopulismus zu unternehmen, zeigt sich dann, wenn wir die 1920er- und 1930er-Jahre zwar analysierend vergleichen mit dem politischen Betrieb von heute, aber nicht, wenn wir diese beiden Epochen gleichsetzen. Denn gleich sind sie nämlich nicht. Hier sehe ich aktuell bei vielen Leuten eine Tendenz zur Schwarzseherei bei fehlendem Wissen über das System der Weimarer Republik und ihr Ende. Man muss sich schon auskennen mit den unterschiedlichen Verfassungen und Parteiensystemen, mit den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und den internationalen Zusammenhängen. Manchmal bemerke ich einen paradoxen Hang zu Untergangsstimmung und zu Aktionismus zugleich.

Antisemitismus

Darzustellen, wie Juden gelebt haben, wo und warum sie herkamen, wie ihr Alltag aussah, was sie arbeiteten, wie sie hießen und wie sie aussahen, wo sie zur Schule gingen, was die Religion für sie bedeutete, welches Verhältnis sie zu den nichtjüdischen Nachbarn hatten, wie überhaupt das Zahlenverhältnis der Einwohner gewesen ist – alle diese Fragen führen hin auf Informationen über Menschen und ihre gesellschaftliche Rolle. Es sind Fakten und es sind Informationen, die wir dadurch erhalten. Wir können hier etwas lernen, wir wissenetwas. Und das ist, so banal das nun klingen mag, das wichtigste, wenn es um die Destruktion von Vorurteilen und Halbwissen, wenn es um die klare Unterscheidung zwischen Meinungen und Fakten geht. Zugegeben: Wenn jemand sich entschieden hat, Juden zu hassen, wird er sich von Informationen nicht stören lassen.

Die meisten Menschen möchten nicht antisemitisch sein und die meisten bilden sich ein, sie wären es nicht. Der Holocaust hat eben auch die Wirkung gehabt, die Wahrnehmung von Antisemitismus zu vernebeln. Deshalb ist es für viele – die Erfahrung mache ich in der Gedenkstätte – auch eine positive Erkenntnis, wenn sie verstehen, wie antisemitische Denkfiguren sich historisch entwickelt haben, dass es Antisemitismus schon lange vor Hitler gab und dass Antisemitismus viel mit mangelnden Kenntnissen zu tun hat. Ich erinnere hier nur an die Judenzählung im deutschen Heer 1916, als die kaiserliche Regierung glaubte, eine Regierungskrise abwenden zu können, indem sie die Juden des Pazifismus und der mangelnden Einsatzbereitschaft bezichtigt. Dieser – übrigens fehlgeschlagene– Propagandacoup beruhte eben nicht auf expliziter Judenfeindschaft, sondern auf dem festen Vertrauen, dass man die Juden ohne Widerspruch zum Sündenbock machen könnte, weil es eben einen breiten gesellschaftlichen Konsens zum Antisemitismus gab.

Aktuell stehen wir vor einem neuen Problem: aussprechen zu können, dass eine neue Quantität und Qualität der Judenfeindschaft durch muslimische Zuwanderer und Zuwanderinnen in unsere Gesellschaft hineingetragen werden. Wir müssen erkennen und aussprechen, dass es eine strukturelle Judenfeindlichkeit in den Herkunftsstaaten von Flüchtlingen und Zuwanderern gibt, das heißt vor allem in den arabischen Staaten des Nahen Ostens und in Nordafrika. Erst, wenn wir deutlich machen, dass wir diese Judenfeindlichkeit genauso wenig dulden wie die von anderen Leuten, erst dann können wir auch überlegen, wie wir damit umgehen. Diese Realität ist unangenehm und unpopulär, weil wir ja auch nicht islamfeindlich sein möchten. Aber man ist nicht islamfeindlich, weil man antisemitismuskritisch ist.

Erinnerung und Vertrauen

Schließen möchte ich mit zwei Gedanken aus dem Konzept der Begegnungsstätte Alte Synagoge:

Der erste: Wir rechnen mit Antisemitismus. Deswegen baut unsere Ausstellung auf jüdische Biografien. Jeder der darin vorgestellten Menschen ist anders, ist ein Individuum, alle unterscheiden sich. Juden und Jüdinnen entsprechen in Wirklichkeit nicht den Klischees, die es über sie gibt.

Der zweite: Wir vertrauen den Werten. Die Juden haben wie niemand sonst so klar begriffen, welche Chancen, welche Sicherheit und was für ein gutes Leben die Ideen der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der französischen Revolution den Menschen anbieten. „Leben, Freiheit, Streben nach Glück – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. 

Das 19. Jahrhundert als das Jahrhundert des Fortschritts ist das Jahrhundert der Juden, in dem die Emanzipation des Bürgertums, die Trennung von Kirche und Staat, die Entmachtung der Aristokratie, in dem die Demokratisierung von Bildung und Konsum eine so große Rolle spielten – eine Rolle, die nicht ausgespielt ist. Lassen Sie uns daher auch auf unsere gesellschaftlichen Systeme mit ihrer Rechtsstaatlichkeit und ihrer demokratischen und republikanischen Basis vertrauen und dafür sorgen, dass sie erhalten bleiben!


[1][1]             Stark gekürzte und überarbeitete Fassung des Vortrags, den die Autorin am 8. November 2018 in Velbert gehalten hat. Die Überschrift des Beitrags nimmt den gleichnamigen Titel der Berliner Veranstaltung auf, die das FORUM der Landesarbeitsgemeinschaften der Gedenkstätten, Erinnerungsorte und –initiativen in Deutschland in Kooperation mit der AG KZ-Gedenkstätten in der Bundesrepublik Deutschland und dem Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Schleswig-Holstein am 16. April 2018 in der Vertretung des Landes Schleswig-Holstein beim Bund organisierte. Vgl. dazu Newsletter13/2018, S. 6ff.