Redebeitrag von Dr. Ulrike Schrader

Wir fordern Frieden im Nah-Ost-Konflikt. Wir fordern Frieden überall, aber besonders im Nah-Ost-Konflikt. Die UN-Hochkommissarin Michelle Bachelet, so stand es heute morgen in der WZ, rief Israel und die Palästinenser auf, die „Aggressionen“ auf Dauer einzustellen.

 

Der Staat Israel ist die einzige Demokratie im Nahen Osten, und diese wird von einer Terrororganisation permanent massiv beschossen. Das ist kein Krieg zwischen zwei Staaten. Das ist ein Feldzug, ein Kreuzzug gegen die Juden. Das hat nichts mit Befreiung eines unterdrückten Volkes zu tun, sondern mit dem Wunsch, eine islamistische Herrschaft zu begründen. Ganz bestimmt nicht demokratisch und ganz bestimmt nicht frei.

 

Wir fordern Frieden, aber „hinter dem Ruf nach Frieden verschanzen sich die Mörder“. Das hat Paul Spiegel schon vor vielen Jahren gesagt. Er hat verstanden, dass der Ruf nach Frieden im Nahen Osten die Grundsätze des Völkerrechts leugnet. Und einer der ersten und wichtigsten Grundsätze sind: die staatliche Souveränität und das Recht des souveränen Staates, sich und seine Bewohner gegen Terror zu verteidigen.

 

Der Hass auf Israel, der nicht nur in den palästinensischen, in den arabischen und in den muslimischen Staaten herrscht, ist Hass auf die Juden, ist purer Antisemitismus mit dem Ziel, sie auszulöschen.

 

Dieses Ziel der Auslöschung hatten auch die Bürokraten der Wannseekonferenz am 20. Januar 1942. Da sprachen die Herren der Welt bei Zigarren und Kognak über den totalen Judenmord. Ein Judenmord, der da schon längst begonnen hatte, mit dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941, genau vor 80 Jahren. Ein Mord an den Juden, den wir heute in einer Zahl zum Symbol gemacht haben: Sechs Millionen.

 

Aber es gibt ein Protokoll dieser Sitzung in der Villa am Wannsee, und dort ist von ganz anderen Zahlen die Rede: Fast doppelt so viele Juden sollten getötet werden. Das ergibt die säuberliche Addition, das steht im Protokoll, das erhalten ist und das sich jeder und jede angucken kann. Denn die Nazis waren noch lange nicht fertig mit ihrem Plan, sie wollten z.B. auch die englischen Juden ermorden, das wären 330.000 gewesen. Oder die Schweizer Juden, 18.000. Wenn alles nach Plan verlaufen wären, hätten sie in der Sowjetunion fünf Millionen Juden getötet, und ungarische Juden nicht nur 450.000, sondern 300.000 mehr. Das steht da alles fein säuberlich und ordentlich, mit Schreibmaschine von einer Sekretärin getippt.

 

Dass es dazu nicht kam, dass wir heute von sechs Millionen sprechen und nicht von elf, dass wir heute überhaupt sprechen, frei sprechen, frei unsere Meinung sagen können, das verdanken wir eindeutig nur der Tatsache, dass die Amerikaner, die Engländer und die Sowjetunion mit ihren Alliierten diesen Vernichtungskrieg durch einen militärischen Sieg gewonnen haben. Es war ein Krieg, den die Alliierten geführt haben, um uns zu befreien. „Nie wieder Krieg!“ kann nicht die Lehre aus Auschwitz sein. Der Krieg war die einzige Möglichkeit, den Nationalsozialismus zu stoppen.

 

Der Ruf nach Frieden klingt harmonisch und wohltönend. Im Ruf nach Frieden hört man schon die Klänge des Paradieses.

Aber: der Ruf nach Frieden ist ein Risiko. Nicht für uns natürlich. Aber für die Juden. Denn der Ruf nach Frieden macht uns zu friedenspolitischen Kollaborateuren des palästinensischen Terrorismus.

 

Zu hören ist auch der Ruf nach der „doppelten Solidarität“. Auch das klingt schön und gerecht. Und man glaubt, damit niemandem weh zu tun, beiden Seiten Recht zu geben. Aber wer verlangt danach? Wem nutzt „doppelte Solidarität“? „Doppelte Solidarität“ ist nur halbe Empathie, halbherziges Mitgefühl. Die Rede von der „doppelten Solidarität“ ist ein Ausweichmanöver: Einerseits will man den Palästinensern irgendwie beistehen, andererseits will man auf keinen Fall als Antisemit bezichtigt werden. Ich habe zuweilen den Eindruck, dass es hierzulande fast schlimmer ist, als Antisemit zu gelten, als wirklich einer zu sein.

 

Aber „doppelte Solidarität“ gibt es nicht, Solidarität heißt: entschieden Partei ergreifen für eine Seite. Doppelte Solidarität kann keiner gebrauchen, gebraucht wird uneingeschränkte Solidarität.

Wir leben hier in einem Land, wo man nicht so furchtbar viel Mut braucht, um wirklich solidarisch zu sein.

 

Antisemitismus ist unabhängig von dem, was in Israel gerade passiert, unabhängig von dem, was die israelische Regierung beschließt, was das Militär tut. Wenn es im Nahen Osten knallt, weil Israel sich nicht vernichten lassen will, dann ist das hier und in vielen anderen Weltgegenden nur ein Vorwand, ein Anlass, dem Judenhass ungebremst Ausdruck zu geben.

 

Antisemitismus ist Judenhass, nicht Politik, keine Meinung. „Rassenwahn“ – steht auf der Gedenktafel an der Begegnungsstätte, und irgendwas Wahnsinniges hat der Hass auf die Juden immer. Er ist irrational und hat keinen Funken Verstand.

 

Schalten wir unseren Verstand ein, und öffnen wir unsere Herzen für alle Menschen, die, wie wir hier, in Frieden und in Freiheit leben wollen.