Damals war es Friedrich oder: Antisemitismus im Deutschunterricht

Fotografie: Eduard Urssu

Das Video des Vortrags von Dr. Ulrike Schrader (30.9.2020) wird am Mitte Oktober auf der Website der Begegnungsstätte zu sehen sein.

Das Jugendbuch „Damals war es Friedrich“ von Hans Peter Richter erschien im Jahr 1961 und thematisiert die nationalsozialistische Judenverfolgung. Im Jahr 2020 erschien es in der 69. Auflage, denn es wird seit Jahrzehnten im Deutschunterricht als Klassenlektüre gelesen, meistens in den Jahrgangsstufen 6 und 7. Nur: Schon 1980 (also vor 40 Jahren) wurde das Buch von Kinder- und Jugendbuchexperten scharf und gut begründet kritisiert.

Wenn Schulen Antisemitismus erkennen und ächten wollen, aufklären und verlässlich informieren, kritisches und geschichtsbewusstes Denken einüben – wenn das alles so ist, dann ist nicht nachvollziehbar, dass dort nach wie vor eine Klassenlektüre „durchgenommen“ wird, die erstens einen völlig überholten Kenntnisstand nach geschichtswissenschaftlichen Kriterien repräsentiert und die zweitens aus einer Haltung heraus geschrieben ist, die letztlich auf die Entlastung der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft und ihrer nachfolgenden Generationen zielt. Das Buch ist folgt, noch nicht einmal sehr subtil, der Struktur einer Täter-Opfer-Umkehr. Das kann man dem Buch nicht vorwerfen, denn es ist 60 Jahre alt, und vor 60 Jahren war solches Denken weit verbreitet und wurde nicht weiter skandalisiert. Wenn das aber auch heute nicht erkannt wird, ist das ein alarmierendes Zeichen für die große Wirkmacht längst überholter Vorstellungen von Juden und heuchlerischer Entlastungsstrategien.

 

Dr. Ulrike Schrader, seit 1994 Leiterin der Begegnungsstätte Alte Synagoge in Wuppertal, ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Kinder- und Jugendliteratur zu den Themen Nationalsozialismus und Judentum.