Gemarker Kirche, Zwinglistraße 5
Gedenken neu denken
Niedrigschwellig, visuell, persönlich: Die Journalistin Susanne Siegert steht für eine neue Form der NS-Geschichtsvermittlung.
Niedrigschwellig, visuell, persönlich: Die Journalistin Susanne Siegert steht für eine neue Form der NS-Geschichtsvermittlung. Wie die für sie aussieht, erklärt sie in ihrem Buch „Gedenken neu denken“. Am Mittwoch (22.04.) stellt sie es in der Gemarker Kirche vor.
Die Erinnerung an den Holocaust und die Verbrechen des Nationalsozialismus sind in Deutschland tief verwurzelt. Gedenkstätten, Museen und Veranstaltungen halten das Wissen über die Schrecken der Vergangenheit wach. „Doch dabei nutzen sie oft die immergleichen Rituale, die nach einem bestimmten Muster ablaufen“, kritisiert die Journalistin Susanne Siegert in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. „Ich sage einmal ‚Nie wieder‘ und ‚Wir müssen uns erinnern‘. Und dann zitiere ich fünf Überlebende, bevor ich mir selber Gedanken mache, was ich als Person dazu beitragen kann.“
Vor knapp sechs Jahren hat 33-jährige Journalistin damit begonnen, Erinnerungskultur völlig anders zu gestalten. Auf den Social-Media-Kanälen Instagram und TikTok teilt sie ihre eigenen Gedanken zu den Verbrechen der NS-Zeit und sucht dabei immer einen Bezugspunkt zur aktuellen Lebenswelt junger Menschen. So will sie zeigen, welche Auswirkungen die Vergangenheit auf die Gegenwart hat.
Gedenkarbeit statt Erinnerungskultur
Susanne Siegert erklärt beispielsweise, wieso Adolf Hitler sich nicht gerne mit Brille zeigte, welche Wörter, die noch heute im Sprachgebrauch vorhanden sind, einen Ursprung in der Nazi-Zeit haben und welche Rolle schwarze Soldaten der US-Armee bei der Befreiung Deutschlands spielten. Rund 300.000 Follower erreicht sie täglich auf Instagram und TikTok und ist damit eine der prägendsten Stimmen einer neuen, digitalen Erinnerungskultur. Für ihre Aufklärungsarbeit wurde die Journalistin 2024 mit dem ELNET Preis und dem Grimme-Online-Award sowie 2025 mit dem Margot-Friedländer-Persönlichkeitspreis ausgezeichnet.
Gedenken neu denken
Lesung mit Susanne Siegert
Mittwoch, 22. April, 19 Uhr
Gemarker Kirche, Zwinglistraße 5
Der Eintritt ist frei. Der Einlass beginnt um 18.30 Uhr.
Den Begriff der Erinnerungskultur mag sie übrigens gar nicht – deshalb sind ihre Videos unter #keine.erinnerungskultur zu finden. Susanne Siegert spricht lieber von „Gedenkarbeit“, denn das Wissen über die Schrecken des Holocaust zu bewahren, bedeutet für sie Arbeit, vor allem von Menschen, die diese Zeit nicht selbst miterlebt haben.
Information, Haltung und Verantwortung
Also recherchiert sie gründlich, um das scheinbar bekannte Wissen über den Nationalsozialismus auf weniger bekannte Tatorte, vergessene Opfergruppen und bislang unbeachtete Geschichten zu erweitern. Dabei geht es ihr nicht nur um Information, sondern um Haltung: um Empathie, Verantwortung und die Frage, welche Rolle die Nachgeborenen heute spielen.
In ihrem Buch „Gedenken neu denken – Wie sich unser Erinnern an den Holocaust verändern muss“ hat sie ihre Perspektive auf die deutsche Erinnerungskultur erstmals umfassend formuliert. „Und genau diese Perspektive ist gefragt, wenn es um die Zukunft des Erinnerns geht – besonders in einer Zeit, in der immer weniger Zeitzeug:innen leben“, erklärt Barbara Herfurth-Schlömer, Projektleiterin des Gedenk- und Lernortes Kemna, an dessen Ausstellungskonzept gerade gearbeitet wird.
Sie wünscht sich, dass die Lesung mit Susanne Siegert zum Nach-, Um- und Neudenken der deutschen Erinnerungskultur anregt – auch in Wuppertal. Denn, so betont Barbara Herfurth-Schlömer: „Erinnerung darf nicht symbolisch bleiben. Sie soll konkrete Auswirkungen auf Politik, Haltung und Alltag haben.“
Gedenk- und Lernort Kemna
Der Gedenk- und Lernort Kemna entsteht unter der Trägerschaft des Evangelischen Kirchenkreises Wuppertal auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Kemna im Stadtteil Beyenburg. Das frühe KZ bestand von 1933 bis 1934. Hier wurden mehrere tausend politische Gegner inhaftiert und schwer misshandelt. Heute wird der Ort zu einem Gedenk- und Bildungsort entwickelt, der historische Spuren sichtbar machen und insbesondere jungen Menschen die Geschichte der frühen NS-Verfolgung am authentischen Ort vermitteln soll. Mehr dazu unter www.kemna-erinnern.de.
Die Lesung ist eine Kooperation der Projekte „Gedenk- und Lernort Kemna“ und „Gelebte Reformation“ sowie des Jugendrings Wuppertal e.V. (im Rahmen der Reihe „Es lebe die Freiheit“ 2026), der Ev. Bildungsstätte Hackhauser Hof und der AG ev. Jugend in NRW.
Text: Sabine Damaschke
Foto: Pieper-Verlag/Ina Lebedjew
